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Newsletter Weihnachten 2018

Ich hoffe, unser Weihnachts-Newsletter landet so sanft und sicher in Eurer Mailbox wie die ersten Schneeflocken auf den Ästen der Bäume einer Winterlandschaft. Natürlich fällt hier im tiefen Süden Indiens kein Schnee, dafür dürfen wir Regenbögen schauen, die das subtropische Landschaftsbild verzieren. 

Dieser Newsletter enthält kürzere, allgemeine Nachrichten über die letzten Monate und ist im Besonderen

  • dem Yoga Unterricht mit den Kindern, 
  • den Ereignissen aus unserem Altersheim und 
  • einem Einblick über das Feiern von Festen in Indien und im Ashram gewidmet.

Abschließend werden wir mit Bildern der vergangenen Monate und einer kurzen Vorschau auf das nächste Jahr 2019 diesen Newsletter ausklingen lassen. Ein bisschen poetisch könnten wir auch sagen, dass wir diesen Newsletter ausklingeln lassen, denn wir haben mit den Kindern das deutschsprachige Weihnachtslied Kling Glöckchen Klingelingeling einstudiert, das wir Euch auf diesem Wege mit großer Freude senden.  

 


Kurznachrichten

 Wir haben die Windpockenwelle nun endlich überstanden. Vor vielen Jahren hatten wir einen ähnlichen Virenausbruch, der damals das gesamte Bubenhostel außer Gefecht gesetzt hat. Dieses Mal waren es die Mädchen, die trotz aller hygienischen Maßnahmen den launischen Windpockenviren nicht entkommen konnten. Die Symptome hielten sich Gott sei Dank in Grenzen, wir hatten keine schweren Fälle, und das Gute an der ganzen Sache war, dass die Immunität der Kinder dabei gestärkt wurde. 

Die Windpocken haben einen nachträglichen Gedanken in uns verstärkt, den wir schon lange hegen, bis jetzt aber aus finanziellen Gründen nicht in die Tat umsetzen konnten. Wir möchten eine ernstzunehmende Krankenstation aufbauen, die gerade für diese epidemischen Notfälle so wichtig wäre. Diese Krankenstation könnte sich im Laufe der Zeit auch in ein alternatives Gesundheitszentrum für Menschen mit Schwerpunkt auf Gesundheitserhaltung und Krankheitsvorbeugung entwickeln. 

Die andere gute Nachricht ist, dass alle Kühe die Maul- und Klauen Seuche heil überstanden haben. Die Tiere wurden unter ärztlicher Aufsicht mit homöopathischen Präparaten erfolgreich behandelt. Der Virus hinterließ Gott sei Dank keine bösen Folgen bei den Tieren. 


Yoga

Yoga ist für Kinder ein wahrer Segen. Kinder lieben Bewegung und in vielen Fällen schätzen sie die Herausforderung der schwierigeren Asanas (ein Asana ist eine Yoga-Pose), wie man auf dem Foto unten gut sehen kann. 

Die Yoga Klassen finden täglich von 6:00 bis 7:30 Uhr früh statt, jeweils abwechselnd für 22 Mädchen und 9 Buben. Für die 8 jüngeren Kinder (im Alter von 6 bis 9 Jahren) haben wir den Yoga Unterricht, der viel mehr Spiel und Ausgelassenheit beinhaltet, am späten Nachmittag nach der Schule eingerichtet.

Als ausgebildetete Yoga Lehrerin und mehrjährige Praktikantin weiß ich, dass Yoga nicht nur Sport ist. Die Yoga Asanas sind in einer tausendjährigen Philosophie gegründet, die sehr praktisch an die Entwicklungsphasen eines Menschen herangeht. Ich persönlich erkenne in Yoga unendlich viele Erfahrungsmöglichkeiten, die den Kindern in den Bereichen der gesunden körperlichen Entwicklung, Körperwahrnehmung un der Körpertherapie viele Dienste leisten können. Die Rastlosigkeit in jungen Menschen, Konzentrationsschwächen oder auch emotionale Störungen können mit Hilfe von richtiger Yoga Praxis viel Gutes erwirken. Das Schönste an Yoga ist, dass es zu einer inneren Ausgeglichenheit führt, die sich im Alltag als Freude und als gesteigerte Fähigkeit zur Tiefenentsapannung zeigt, was wiederum die Lebensqualität verbessert.

Seit Jänner 2016 habe ich mich in den Dienst des Yoga Unterrichtens gestellt und darf mit wachsender Freude die guten Auswirkungen des regelmäßigen Unterrichts an den Kindern feststellen.

Genug der Worte, hier nun ein paar Fotos und ein kurzes Video von den Kindern (die von einem Fotoshooting stammen, da ich natürlich normalerweise während des Yoga Unterrichts keine Fotos mache).

Meditation und Gebet sind Teil des Yoga Unterrichts. Ich habe hier ein sehr kurzes Video von unserem einleitenden Aum Singen eingearbeitet, einfach nur um den Leserinnen und Lesern dieses Newsletters die Atmosphäre im Yoga Unterricht näher zu bringen. Bitte nach Abspielen des Videos auf 'Replay' (der kleine Kreis unten links) klicken.  


Altersheim

Zur Zeit leben 25 ältere Frauen und Männer in unserem Altersheim. Im Oktober fand ein besonderes Seniorentreffen in unserem Ashram statt: die Mitglieder eines Seniorenverbundes in Tirunelveli haben Sachspenden, die sie in ihrem Umfeld gesammelt haben, in den Ashram gebracht, wo wir anlässlich der Übergabe ein kleines Meeting veranstaltet haben. 

Nachstehend ein paar Fotos von dieser Veranstaltung: 

Eine Lebensgeschichte

Dieses Foto unseres ältesten Altersheimbewohners, Subramania Sharma, liebevoll und kurz einfach Sharmaji genannt, wurde vor drei Jahren gemacht, als er im Rahmen einer Feierlichkeit als Person und stiller Apostel seines geliebten Lord Sivas geehrt wurde. Laut seinem Personalausweis - dem man nach längerer Nachforschung glauben darf - ist Sharmaji 118 Jahre alt (nein, ich habe mich hier nicht vertippt!). Als junger Mann hat er das Augenlicht verloren, was ihn aber nicht daran hinderte, seine geliebten Saiva Siddhanta Texte zu "lesen" und allesamt auswendig zu lernen. Er bat Freunde und Menschen, die er im Tempel traf oder befreundete Anhänger Sivas oder auch Fremde, die eine Stunde übrig hatten, ihm aus den Schriften vorzulesen. Auf diese Art und Weise konnte er hunderte von Strophen lernen und im Kopf behalten. Er konnte diese stundenlang rezitieren und hatte auch sonst ein phänomenales Gedächtnis. Er lebte viele Jahre als überzeugter Bettelmönch unter dem kleinen Vordach eines Hauses in einer naheliegenden Stadt, wo er seine Truhe mit seinen persönlichen Habseligkeiten hatte. Tagsüber wanderte er mit seinem Blindenstock durch die Stadt und scheute nicht einmal die stark befahrene Hauptstrasse! 

Im Jahr 2002 hat Visvanathan ihn zum ersten Mal an einem Sonntag zu uns nach Hause zum Essen eingeladen. Visvanathan kannte ihn schon längere Zeit und besuchte ihn oft unter dem Vordach in der benachbarten Stadt Shengottai. Angesichts seiner Blindheit boten wir ihm an, bei uns zu bleiben. Doch Sharmaji lehnte immer wieder vehement ab, da er seine Unabhängigkeit schätzte und sie für keinen Preis der Welt aufgegeben hätte. Ein Verkehrsunfall vor ein paar Jahren, bei dem er von einer Rickshaw niedergestoßen wurde und zwei Zehen verlor, zwang ihn zu einem Überdenken seines Standpunktes. Er nahm unser Angebot im Alter von 110 Jahren dankend an. 

Bei einem weiteren Unfall vor 8 Monaten stürzte Sharmaji unglücklich und brach sich den Oberschenkelhals. Seidem ist er bettlegerig und wird von unserer Stationsschwester gepflegt und betreut. Das Foto unten habe ich vor ein paar Tagen gemacht. Er hat mittlerweile sein Schicksal akzeptiert. Sein Geist ist nach wie vor stark, obwohl er zugibt, ein paar Strophen aus seinen geliebten mystischen Texten vergessen zu haben. 

 

Sein Lebensmotto

"Die gesamte Schöpfung ist vor dem Schöpfer, dem allmächtigen Herrn, so unbedeutend wie ein Moskito, angesichts des gesamten Planeten Erde. Der Mensch mit seinen selbstbezogenen und egoistischen Tendenzen hat vor dieser Allmacht keine Freiheit, sein Wissen ist aufgrund seiner Sinne begrenzt und muss sich dem Höheren Willen - ob bewusst oder unbewusst - ergeben. In der Gnade alleine findet der Mensch seine Bestimmung und seine Freiheit". 


Feste in Indien

in Indien sind Feiern tatsächlich etwas Wichtiges. Die indische Bevölkerung nimmt sich gerne die Zeit für Feste und versammelt die ganze Familie zu feierlichen Anlässen. Sogar eine bescheidene Hochzeit in Indien hat zumindest stolze 200 bis 300 Gäste.

Warum gibt es so viele Feste in Indien? Abgesehen von persönlichen und nationalen Feiertagen gibt es religiöse Festtage, die aufgrund der drei Hauptreligionen (hinduistisch, muslimisch und christlich) und mehreren Nebenreligionen (Buddhismus, Jainismus, Sufismus, Sikhismus) sowie anderen ethnischen bzw. indigenen Glaubensgruppen zahlreich sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass der indische Grund und Boden, der für 1.35 Milliarden Inder (fast ein Sechstel der Weltbevölkerung) Heimat ist, die Geburtsstätte für einige Weltreligionen darstellt und die zahlreichen Feste alle Schattierungen der sozialen und kulturellen Vielfalt betonen.

Offensichtlich ist die große Anzahl von Feiertagen nicht unbedingt die beste Voraussetzung für kontinuierliche Arbeitsvorgänge. Trotz allem haben die farbenfrohen Feste ihren Platz in der Kultur und Gesellschaft nicht verloren und die großen Familienfeste haben immer noch hohe Priorität. 

Unser Aum Pranava Ashram ist an die kulturelle und soziale Landschaft angepasst und feiert mit und für die Menschen verschiedene Feste. Diese Feste bedeuten auch zusätzliche Feiertage für die Kinder, über die sie sich natürlich sehr freuen. 

Wir veranstalten auch Ashram-bezogene, alljährlich stattfindende "Feste" anlässlich gewisser Gedenktage an jene  Menschen, die mit uns persönlich oder mit dem Ashram eng verbunden sind, wie z.Bsp. das neuntägige Ramanama Japayagna Fest im August oder die drei kulturellen Novembertage. 

Anschließend habe ich ein paar Fotos der letzten Feierlichkeiten im Aum Pranava Ashram aufgeladen. 

 

1. Deepavali / Diwali

Ende Oktober/Anfang November

Ein Fest, das in ganz Indien gefeiert wird.

Bedeutung: Fest der Lichter; Sieg des Lichtes über die Dunkelheit, Sieg der weisen Kräfte über die im Dunkel des Egoismus verborgenen, tyrannischen Kräfte.

Feuerwerke und Kracher leiten das Feiern ein. An diesem Tag trägt jeder Inder und jede Inderin ein neues Gewand. An diesem Tag werden alle unsere Ashram Bewohner, jung und alt, neu eingekleidet. Auch obdachlosen Menschen wird Kleidung gespendet. 

 

 


2. Kulturelle November Tage (20. - 23. November alljährlich)

Dies ist ein mehrtägiges, ashram-spezifisches Fest zu Ehren unserer spirituellen Lehrer/innen, die uns persönlich auf verschiedenste Art und Weise im Leben zu tieferen Einsichten, mehr Zufriedenheit und Kraft geholfen haben. Wir veranstalten spirituell  kulturelle Programme für unsere Kinder, Altersheimbewohner, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Besucher von Fern und Nah. Alle Besucher werden im Ashram an diesen Tagen verköstigt. Es werden an alle Freunde und Freundinnen des Ashrams Einladungen verschickt, um an diesen Feierlichkeiten teilzunehmen. 

Künstler, Sänger, Geschichtenerzähler und Devotees treffen sich hier zum gemeinsamen Feiern. Bharathanatyam Tanzprogramme der Annai Tanz Akademie (wo auch die Mehrzahl unserer Mädchen Tanz lernt) bilden einen der Höhepunkte am letzten Tag dieser Programmpunkte. Ich wollte den Lesern und Leserinnen den Genuss dieses Tanzprogrammes nicht vorenthalten und habe hier ein paar Videos aufgeladen.




 

3. Karthikai Deepam 

Dieses Fest ist eines der ältesten Feste in Tamil Nadu, das jedes Jahr mit großem Enthusiasmus zelebriert wird. Zu Vollmond des Tamil Monats Karthikai wird dieses Fest mit vielen Lichtern gefeiert. Heuer fielen die Daten von Karthikai und unserer November Programme zusammen.  

 

Zeit für eine kurze mythologische Geschichte? 🔱

Das Erschaffen, die Erhaltung und die Auflösung des Universums ist den Göttern der Dreieinigkeit, Brahma-Vishnu-Siva, vorbehalten. Einer mythologischen Legende nach begab es sich, dass sowohl Brahma als auch Vishnu für sich selbst die Oberherrschaft als bedeutendster Gott beanspruchten. Um den beiden eine Lektüre zu erteilen, erschien Lord Siva als eine Lichtsäule, deren Anfang und Ende nicht sichtbar war. Lord Siva meinte, er würde sie als die größten Götter aller Zeiten akzeptieren, wenn sie entweder das eine oder andere Ende dieser Lichtsäule finden könnten. Und so begaben sich die beiden, Brahma (der Schöpfer) und Vishnu (der Erhalter) auf die Suche nach dem Anfang und dem Ende der Lichtsäule.

Lord Vishnu gab nach erfolgloser Suche auf. Lord Brahma, der sich in die Himmelsgefielde begab, erblickte eine aus dem Himmel fallende Blume, die unter dem tamilischen Namen Thazhambu bekannt ist. Diese Blume berichtete Lord Brahma mit großem Stolz, daß sie vor langer Zeit für eine Pooja (einen Gottesdienst) verwendet wurde , bei der sie auf Lord Sivas Haupt fiel. Von dort begann der freie Fall, der nun schon 30,000 Jahre dauerte. Die beiden, Lord Brahma und die stolze Blume, erkannten darin ihre Chance, die Herrschaft über das gesamte Universum zu gewinnen und schmiedeten einen Plan! Zurück angekommen, erzählten sie, dass sie beide das Haupt Sivas und somit das Ende dieser Lichtsäule gesehen hatten.

Doch Lord Siva durchschaute dieses Spiel. Siva bestrafte die beiden für ihren übergroßen Stolz: kein einziger Tempel auf dieser Erde solle Lord Brahma gewidmet sein und die Thazhambu Blume solle nie wieder für eine Siva Pooja verwendet werden. Seine Worte wurden wahr. Es gibt bis heute keinen Brahma Tempel in Indien und die Thazhambu Blume wird nicht für den Dienst an Lord Siva verwendet. 

Dieser Tag, an dem Lord Siva als Lichtsäule erschienen, wird as Karthikai Deepam gefeiert. ⚜️


In unserem nächsten Newsletter im März des Neuen Jahres berichten wir von unserer Weihnachtsfeier, vom Erntedankfest im Jänner und von den VolontärInnen, die bei uns verweilen, sowie von anderen geplanten und auch überraschenden Ereignissen der kommenden Monate. 

Als Danke für all die Hilfe und Unterstützung im letzten Jahr haben wir mit den Kindern das Weihnachtslied Kling Glöckchen Klingelingeling auf Deutsch einstudiert. Den Kindern hat es viel Spaß gemacht und wir hoffen, dass es auch Euch Freude bereitet. 

Ende


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